Warum Rassismus kein Randthema ist
Der 21. März ist der Internationale Tag gegen Rassismus. Er erinnert daran, dass Diskriminierung nicht nur in einzelnen Vorfällen sichtbar wird, sondern oft tief in gesellschaftlichen Strukturen verankert ist. Auch in Tirol zeigen Berichte aus Beratungsstellen und sozialen Einrichtungen, dass rassistische Erfahrungen für viele Menschen Teil des Alltags sind – in der Nachbarschaft, im öffentlichen Raum, in Schulen oder auf dem Wohnungsmarkt. Genau solche Mechanismen greift die Journalistin und Moderatorin Shary Reeves in kurzen Erklärvideos auf, die ich abschließend verlinke. Studien bestätigen diese Erfahrungen. In der EU-Studie „Being Black in the EU“ gaben zuletzt 72 % der in Österreich befragten Menschen afrikanischer Herkunft an, Diskriminierung erlebt zu haben – deutlich mehr als noch wenige Jahre zuvor. Auch der jährliche Rassismus-Report von ZARA dokumentiert regelmäßig Vorfälle in Österreich.
Geschichte neu erzählen
Im Februar – dem Black History Month – wurden in sozialen Medien zahlreiche Beiträge geteilt, die bekannte Geschichtsbilder zurechtrücken. Sie erinnern an Schwarze Persönlichkeiten, deren Leistungen missachtet wurden – und an jene Kapitel der Geschichte, die bis heute nachwirken: Kolonialismus, Sklavenhandel und die systematische Entmenschlichung Schwarzer Menschen.
Erinnert wird an den afroamerikanischen Chemiker Percy Lavon Julian (1899–1975). Er entwickelte Verfahren zur Herstellung wichtiger Medikamente aus Sojabohnen, darunter Vorstufen für Kortison und andere Steroidhormone. Trotz seiner wissenschaftlichen Leistungen blieben ihm viele akademische Positionen lange verwehrt – nicht wegen mangelnder Qualifikation, sondern wegen rassistischer Barrieren in Universitäten und Forschungseinrichtungen.
Gewürdigt wird auch die amerikanische Künstlerin Clementine Hunter (1886–1988). Sie arbeitete jahrzehntelang als Feldarbeiterin auf einer Plantage in Louisiana und begann erst spät zu malen. Ihre Bilder – Szenen aus dem Alltag Schwarzer Gemeinschaften im Süden der USA – wurden in Museen ausgestellt und fanden große Aufmerksamkeit. Doch lange Zeit blieb ihr selbst der Zugang zu diesen Orten verwehrt: Das Museum öffnete seine Türen für ihre Kunst, nicht für sie selbst.
Die ivorische Künstlerin Laetitia Ky macht mit beeindruckenden Arbeiten greifbar, warum Haare politisch sind. Die Erfahrung, wegen ihres natürlichen Haares beschämt zu werden, führte sie zur Auseinandersetzung mit traditionellen afrikanischen Frisuren und deren Bedeutungen. Aus ihrem eigenen Haar formt sie skulpturale Figuren, Symbole und Szenen – und verwandelt so eine lange Geschichte von Abwertung und Kontrolle über Schwarze Körper in eine eigene künstlerische Sprache. Ihre Fotografien und Performances verbinden Kunst, Körper und politische Botschaft und erreichen über soziale Medien ein weltweites Publikum.
Rassismus als gesellschaftliches Muster
Solche Geschichten zeigen, dass Rassismus nicht nur aus einzelnen Vorfällen besteht. Er wirkt oft als gesellschaftliches Muster – in Institutionen, in kulturellen Bildern und in der Sprache, mit der wir über Menschen sprechen. Rassismus ist wie ein Erbe, das uns in den Knochen sitzt: ein beständiger Hauch in der Luft, der sich in Bildern, Geschichten und gesellschaftlichen Routinen festgesetzt hat. Auf dem Weg in eine gleichberechtigte und solidarische Gesellschaft reicht es nicht aus, Empörung am Einzelfall zu demonstrieren. Wir müssen den Strukturen auf den Grund gehen, ihre Mechanismen verstehen und ihre historischen Ursprünge sichtbar machen. Nicht, um individuelle Schuldzuweisungen zu perfektionieren, sondern um zu erkennen, welche Vorstellungen von Geschichte und welche Praktiken uns als Gesellschaft bis heute prägen.
Gerade in einer vielfältigen Gesellschaft haben wir ein gemeinsames Interesse daran, Praktiken der Abwertung und des Ausschlusses zu überwinden. Viele dieser Muster sitzen tief – oft unbemerkt und gut getarnt. Sie zu erkennen ist der erste Schritt, um sie zu verändern.
Bilder, Worte und Narrative verstehen
Genau hier setzen die kurzen Erklärvideos der Journalistin und Moderatorin Shary Reeves an. Reeves wurde einem breiten Publikum als Moderatorin der Wissenssendung Wissen macht Ah! bekannt und beschäftigt sich heute in ihren Social-Media-Beiträgen und Vorträgen mit Medienbildern, Sprache und gesellschaftlichen Debatten über Rassismus. In ihren Videos analysiert sie verständlich, wie rassistische Bildsprache entsteht, warum bestimmte Begriffe problematisch sind und weshalb es in Debatten über Rassismus häufig weniger um Absicht als um Wirkung geht. Sie schreibt dazu auf Instagram: "„Black History Month ist kein Rückblick. Er ist ein Prüfstein dafür, welche Bilder und Narrative bis heute funktionieren – und warum das nicht harmlos ist.“
Vier ihrer Videos greifen Fragen auf, die auch in der Bildungs- und Beratungsarbeit immer wieder auftauchen:
– Rassismus ist kein Synonym für Diskriminierung – und warum nicht alles rassistisch ist
– Warum ist das sogenannte N-Wort problematisch? Wirkung schlägt Absicht – Absicht schützt nicht vor Bedeutung
– Wie funktioniert rassistische Bildsprache? Rassismus braucht keine neuen Worte – er lebt davon, alte Bedeutungen wieder aufzurufen
– Afrika ist kein Land – 54 Staaten, hunderte Ethnien, tausende Sprachen. Warum fühlt sich „Europa“ differenziert an, aber „Afrika“ wie ein Block?
Diese Videos zeigen, dass wir in der Rassismusdebatte nur weiterkommen, wenn wir den Blick vom moralischen Urteil über einzelne „Entgleisungen“ auf die Strukturen richten, die solche Bilder und Bedeutungen hervorbringen. Rassismus ist kein individuelles Randproblem, sondern Teil einer gesellschaftlichen Ordnung – und genau deshalb ist auch die Arbeit daran eine gemeinsame Aufgabe.
Andrea Moser, ZeMIT